Projektdetails
"Fortschrittlicher" Antisemitismus. Reaktionen selbsterklärter progressiver Milieus auf das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023

Wie reagieren selbsternannte progressive Kreise auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober? Eine Studie untersucht den wachsenden Antisemitismus in linken Milieus – von Israel-Dämonisierung bis zum Missbrauch sozialer Gerechtigkeitsnarrative.
Seit den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 an der Bevölkerung im Süden Israels und der militärischen Reaktion Israels im Gazastreifen ist die Zahl antisemitischer Vorfälle auch in der Bundesrepublik sprunghaft angestiegen. Bei (vermeintlich) pro-palästinensischem Protestgeschehen, an Universitäten oder in offenen Briefen kommt es dabei häufig zu antisemitischen Äußerungen und zu Beeinträchtigungen und Bedrohungen jüdischen Lebens im Allgemeinen und an Hochschulen im Besonderen. Dabei gehen viele dieser Aktivitäten von sich überschneidenden akademischen und aktivistischen Milieus aus, die sich selbst als fortschrittlich und progressiv, etwa antidiskriminierend, antirassistisch, queer, links und/oder post- oder antikolonial verstehen und gleichzeitig Antisemitismus verharmlosen, reproduzieren und verbreiten. Wie unter anderem vorhergehende Forschung der Projektbeteiligten zeigt, ist Antisemitismus aus solchen Milieus kein neues Phänomen, nimmt seit dem 7. Oktober aber neue Ausmaße und Qualitäten an.
Politik und Verwaltung, Strafverfolgungsbehörden, Presse und Zivilgesellschaft debattieren über diese Welle von Antisemitismus aus selbsterklärten progressiven Milieus seit dem 7. Oktober. Ihre systematische wissenschaftliche Bearbeitung ist aber bislang ausständig und stellt insbesondere in Deutschland eine Forschungslücke dar. Durch eine vertiefende diskursanalytische Aufarbeitung der Reaktionen und Bezugnahmen auf die Massaker der Hamas vom 7. Oktober und den nachfolgenden Krieg in Gaza seitens solcher als links oder progressiv auftretenden aktivistischen Gruppen und Akademiker*innen in Deutschland möchte das Team von den Lehrstühlen für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Regierungslehre (Prof. Dr. Lars Rensmann, Nikolai Schreiter) und für Soziologie (Prof. Dr. Karin Stögner, Elke Rajal) ein differenziertes Bild anbieten und damit einen Beitrag zur Erforschung und Bekämpfung des gegenwärtigen Antisemitismus leisten.
Spezielles Augenmerk liegt auf Formen des israelbezogenen Antisemitismus, in denen klassisch antisemitische Motive auf den jüdischen Staat übertragen werden und damit verbundenen Verschwörungserzählungen, ihrem Framing und der Vermittlung mit einem breiten Spektrum gesellschaftlicher Darstellungen der Massaker und des Krieges. Auch die damit häufig verschränkten Motive des sekundären Antisemitismus, etwa in Gleichsetzungen Israels mit dem Nationalsozialismus oder neuen Schlussstrichforderungen und Behauptungen eines deutschen „Schuldkultes“ von links (etwa in der Parole „Free Palestine from German Guilt“) werden in den Fokus gerückt. Gleiches gilt für Abwehrreflexe gegen Kritik an Antisemitismus und ihre kommunikativen Strategien (beispielhaft: „Araber sind auch Semiten“, „Antizionismus ist kein Antisemitismus“) und Verknüpfungen mit Diskursen rund um andere Themenfelder der selbsterklärt linken, fortschrittlichen Akteure wie Diskriminierung, Rassismus, Postkolonialismus, Klimapolitik oder Klassenkampf.
Symbolfoto: Adobe Stock
| Projektleitung an der Universität Passau | Prof. Dr. Karin Stögner (Lehrstuhl für Soziologie) Prof. Dr. Lars Rensmann (Lehrstuhl für Politikwissenschaft mit Schwerpunkt Vergleichende Regierungslehre) |
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| Laufzeit | 01.10.2025 - 31.01.2028 |
| Mittelgeber | Alfred Freiherr von Oppenheim Stiftung |
| Projektnummer | T0151 / 47133 / 25 |
| Förderhinweis | Das Projekt wird von der Alfred Freiherr von Oppenheim Stiftung zur Förderung der Wissenschaften gefördert. |