WORKING-CLASS SUPPORT FOR ILLIBERALISM: A VIEW FROM THE SOUTH
Working-class support for reactionary politics is as old as capitalism itself, yet it remains one of the most paradoxical features of modern democracy. Long celebrated as the vanguard of progressive change, significant segments of low-income groups are now aligning with illiberal regimes, authoritarian populists, and far-right movements across the globe. This talk explores why. Drawing on twenty-five years of ethnographic research with workers in Brazil, and more recently in India and the Philippines, it argues that this alignment cannot be explained by economic deprivation, resentment, or cultural backlash alone. Instead, digital technologies emerge as pivotal in reshaping working-class political subjectivities. By introducing the concept of the authoritariat, the talk shows how platform labour, gig work, and the promise of self-employment destabilise democratic bonds while fostering new desires for recognition, autonomy, and self-worth. These dynamics are rooted in long histories of colonial marginality yet amplified in the 21st century by the deregulation of digital labour and the rise of Big Tech. Far from being trapped in nostalgia, reactionary politics derives its strength from projecting an imagined future—one that offers both rage and dreams to those historically excluded. In reframing debates on working-class politics toward the Global South, the talk theorises a new, deeply ambivalent political formation—part authoritarian, part conservative, part libertarian—that is profoundly consequential for the future of democracy.
UNTERSTÜTZUNG DES ILLIBERALISMUS DURCH DIE ARBEITERKLASSE: EINE PERSPEKTIVE AUS DEM GLOBALEN SÜDEN
Die Unterstützung reaktionärer Politik durch Teile der Arbeiterklasse ist so alt wie der Kapitalismus selbst und zählt zugleich zu den paradoxesten Merkmalen moderner Demokratien. Obwohl die Arbeiterklasse lange Zeit als Vorreiterin gesellschaftlichen Fortschritts galt, wenden sich heute bedeutende Teile einkommensschwacher Bevölkerungsgruppen weltweit illiberalen Regimen, autoritären Populist:innen und rechtsextremen Bewegungen zu. Dieser Vortrag geht der Frage nach, warum dies so ist.
Auf der Grundlage von fünfundzwanzig Jahren ethnografischer Forschung mit Arbeiter:innen in Brasilien sowie jüngerer Feldforschung in Indien und auf den Philippinen wird argumentiert, dass sich diese politische Entwicklung weder allein durch wirtschaftliche Benachteiligung noch durch Verbitterung oder einen kulturellen Backlash erklären lässt. Stattdessen wird gezeigt, dass digitale Technologien eine zentrale Rolle bei der Herausbildung neuer politischer Subjektivitäten innerhalb der Arbeiterklasse spielen. Mit dem Konzept des Authoritariats wird aufgezeigt, wie Plattformarbeit, Gig-Arbeit und das Versprechen unternehmerischer Selbstständigkeit demokratische Bindungen untergraben und zugleich neue Sehnsüchte nach Anerkennung, Autonomie und Selbstwert hervorbringen. Diese Dynamiken wurzeln in den langen Geschichten kolonialer Marginalisierung, werden jedoch im 21. Jahrhundert durch die Deregulierung digitaler Arbeitsverhältnisse und den Aufstieg der Big-Tech-Unternehmen erheblich verstärkt. Reaktionäre Politik schöpft ihre Anziehungskraft dabei keineswegs aus einer nostalgischen Verklärung der Vergangenheit. Vielmehr gewinnt sie ihre Stärke aus der Projektion einer imaginierten Zukunft, die jenen, die historisch ausgeschlossen wurden, zugleich Raum für Wut und Hoffnung eröffnet. Indem der Vortrag die Debatte über Politik der Arbeiterklasse konsequent auf den Globalen Süden ausrichtet, entwickelt er das Konzept einer neuen, zutiefst ambivalenten politischen Formation – zugleich autoritär, konservativ und libertär –, deren Entstehung weitreichende Folgen für die Zukunft der Demokratie hat.
Der Vortrag mit anschließender Diskussion wird vom Forschungsprojekt „Platformization, Forms of Authoritarianism, and the Future of Democracy: Perspectives from the Global South“ (Universität Passau) in Kooperation mit IRGAC veranstaltet.
