Abstract:
In Europa und den Amerikas haben rechtspopulistische Führungspersönlichkeiten den Kampf gegen die sogenannte „Anti-Gender-Ideologie“ zu einem zentralen politischen Mobilisierungsthema gemacht und dabei patriarchale sowie heteronormative Vorstellungen gesellschaftlicher Ordnung propagiert. Parallel dazu haben Wissenschaftler:innen aufgezeigt, wie illiberale Akteur:innen selektiv Frauen- oder LGBT-Rechte unterstützen, um kulturelle beziehungsweise zivilisatorische Überlegenheit zu demonstrieren – insbesondere dann, wenn diese Rechte gegen muslimische Minderheiten in Stellung gebracht werden. Dieses Phänomen wird häufig als Pinkwashing bezeichnet.
Der philippinische Kontext – wo ein schwacher rechtlicher Schutz von LGBT-Personen und eine zugleich ambivalente oder inkonsistente Haltung demokratischer Akteur:innen gegenüber LGBT-Rechten existiert – stellt gängige Vorstellungen von Pinkwashing jedoch infrage. Denn diese setzen voraus, dass geschlechter- und sexualpolitische Anliegen strategisch instrumentalisiert werden, um von ansonsten illiberalen politischen Projekten abzulenken. Einige Beobachter:innen bewerten zwar das Engagement der philippinischen Vizepräsidentin Sara Duterte für LGBT-Anliegen sowie ihre gelegentliche Selbstbezeichnung als LGBT positiv. Andere aber werfen ihr vor, auf diese Weise den illiberalen Ruf ihrer Familiendynastie – insbesondere im Zusammenhang mit dem tödlichen „Krieg gegen Drogen“ ihres Vaters, des ehemaligen Präsidenten Rodrigo Duterte, der hierfür vor dem Internationalen Strafgerichtshof angeklagt ist – aufzupolieren.
Der Vortrag argumentiert hingegen, dass Sara Dutertes Positionierung zugunsten von LGBT-Rechten besser als eine Form unvollkommener Solidarität verstanden werden kann, die neben einem illiberalen und sicherheitspolitisch geprägten politischen Projekt besteht, anstatt als Versuch eines reputationspolitischen „Pinkwashings“ im Sinne eines zivilisatorischen Überlegenheitsdiskurses. Anhand der Frage, wie Duterte größere ideologische Flexibilität nutzt, um begrenzte Formen geschlechtlicher und sexueller Inklusion in einem politischen System zu artikulieren, das stärker von politischen Dynastien als von Parteien geprägt ist, entwickelt der Vortrag eine differenzierte Analyse der Verflechtungen von Komplizenschaft, Kooptation und den widersprüchlichen Bedingungen einer auf Rechte gestützten Politik.
Datum & Uhrzeit: 19. Mai 2026, 18:00 Uhr
