Als Vorbereitung auf die Exkursion hatte die Gruppe bereits im Wintersemester 2025/26 an einem hybriden Seminar teilgenommen, in dem zunächst die niederländische Kolonialzeit und die Unabhängigkeit behandelt und anschließend das koloniale Erbe und aktuelle Dekolonisierungsdebatten diskutiert wurden. Im letzten Teil des Seminars präsentierten die Studierenden ihre Ideen für die Forschungsprojekte, die sie vor Ort durchführen würden. In Ergänzung zum Seminar bot die Indonesischlektorin einen Crashkurs zur sprachlichen Vorbereitung an, in dem sie auch kulturelle Themen behandelte und konkrete Tipps gab. Ein besonderes Angebot zur Vorbereitung war die Möglichkeit, eine Interviewsituation mit einer Indonesierin zu simulieren.
Die Durchführung der Exkursion wurde von geopolitischen Ereignissen im Iran und in der Golfregion überschattet und damit vor große Herausforderungen gestellt. Mehrere Studierende kamen wegen Flugstreichungen und Umbuchungen verspätet in Indonesien an und konnten nicht an allen Programmpunkten teilnehmen. Acht Studierenden war es gar nicht mehr möglich, nach Indonesien zu fliegen. Auch die Leiterin der Exkursion konnte erst am vierten Tag der Exkursion zu der früher angereisten Gruppe dazustoßen. Trotz dieser gravierenden Einschnitte in die Planung konnten alle Programmpunkte durchgeführt werden. Den Leiterinnen der Exkursion gelang es mit Unterstützung der lokalen Partner (die Reiseagentur und lokale Counterparts) kreative Lösungen für alle Beteiligten zu finden, z.B. Angebote, Veranstaltungen hybrid durchzuführen oder zeitlich anzupassen, neue Programmpunkte einzubauen oder Materialen für die abwesenden Studierenden zur Verfügung zu stellen.
Die Exkursion startete in Depok, einer Stadt, die zum Großraum Jakarta gehört und eine spezifische Kolonialgeschichte aufweist. Erst vor wenigen Jahren hat das koloniale Erbe Depoks eine größere Aufmerksamkeit erlangt, z.B. durch eine Kooperation der Universitas Indonesia, der Stadtregierung und der niederländischen Botschaft zur Entwicklung des kolonialen Erbes. Am ersten Abend der Exkursion fand das Welcome Dinner für die zwölf Studierenden, die bereits in Indonesien waren, statt. Hierzu waren auch die ehemalige Indonesischlektorin und Alumni der Universität Passau eingeladen, die über ihren Werdegang seit dem Studium und über ihre Arbeitserfahrungen in Südostasien, insbesondere Indonesien berichteten.
Da die Universitas Indonesia eine Partneruniversität der Universität Passau ist, gab es bereits im Vorfeld der Exkursion eine gemeinsame Planung für die Durchführung eines dreitägigen Projektes am Anthropologie Institut (Sozial- und Politikwissenschaftliche Fakultät). Am ersten Tag fand ein hybrider Workshop zum Exkursionsthema statt, bei dem es Vorträge zu den Themen „Post-colonial city walks in Germany“, „Sediments of Cultural Heritage in Indonesia“ und „The Dissonant Memory of Depok’s Colonial Heritage“ gab. Der Hauptteil des gemeinsamen Programmes bestand in einer Gruppenarbeit in der Altstadt Kota Lama Depok. Die Kleingruppen bestanden aus den Exkursionsteilnehmern der Uni Passau und Studierenden der UI, die an dem Seminar „Tangible and Untangible Heritage“ teilnahmen. Gemeinsam erforschten sie koloniale Spuren in der Altstadt und erstellten Videos zu ihren Ergebnissen, die am Ende der Veranstaltung präsentiert wurden. Trotz der Herausforderung, dass von der deutschen Seite nicht alle vor Ort sein konnten, verlief das Programm erfolgreich. Vor allem die Interaktion zwischen den Studierenden war sehr wertvoll, da alle etwas über verschiedene Herangehensweisen, Interpretationen und Kommunikationswege lernten und somit ihren interkulturellen Horizont erweitern konnten. Auch auf institutioneller Ebene war die gemeinsame Veranstaltung ein Meilenstein für die engere Kooperation zwischen der Universitas Indonesia und der Universität Passau, die beide Seiten weiterführen und noch weiter vertiefen möchten.
Die zweite Destination der Exkursionsgruppe war Jakarta. Gegründet als Batavia im frühen 17. Jahrhundert war die Stadt das Zentrum zunächst der niederländischen VOC (Vereinigte Ostindien Kompanie) und später Regierungssitz Niederländisch Ostindiens. Im unabhängigen Indonesien wurde das umbenannte Jakarta die Hauptstadt und ebenso das Herz der politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen und urbanen Entwicklungen des Inselstaates. Als Mega-Metropole ist Groß-Jakarta mit ca. 40 Millionen Einwohnern heute die größte Stadt der Welt.
Die Exkursion konzentrierte sich auf die alten Zentren der Stadt. Das Programm beinhaltete mehrere verschiedene geführte Touren, um einen Einblick in unterschiedliche Aspekte des kolonialen Erbes zu bekommen. Hier ging es nicht nur um den Inhalt der Touren, sondern auch um deren Darstellungen, Erzählungen und (kritischen) Auseinandersetzungen mit der kolonialen Vergangenheit und deren Relevanz für die Gegenwart. Die Touren führten die Gruppe z.B. nach Kota Tua, dem ersten Kerngebiet Batavias, nach Weltevreden, das frühere europäische Viertel Batavias, und nach Glodok, dem chinesischen Viertel aus der Kolonialzeit. Im Rahmen weiterer Führungen besuchte die Gruppe die katholische Kathedrale und die Istiqlal Moschee, die nicht nur für die verschiedenen Religionen Indonesiens stehen, sondern interreligiösen Dialog in dem mehrheitlich muslimischen Land fördern. Ein Tunnel, der die beiden religiösen Stätte verbindet, symbolisiert dieses Bestreben. Darüber hinaus ist die Istiqlal Moschee auch ein zentrales Wahrzeichen der indonesischen Unabhängigkeit und Dekolonisierung.
Des Weiteren standen themenspezifische Touren auf dem Programm der Exkursion. Eine davon war ein Coffee Walk, um über die Einführung und Entwicklung des Kaffeeanbaus und -konsums in Indonesien etwas zu lernen. Eine andere führte die Gruppe auf den niederländischen Friedhof für Kriegsopfer, wo eine sehr sensible und vielschichtige Darstellung verschiedener Schicksale und Perspektiven jenseits der dominierenden indonesischen Nationalgeschichte erfolgte. Der europäische Einfluss auf Java und andere Inseln des Archipels beschränkte sich nicht auf die Niederländer. Deshalb stand auch ein Besuch im Kampung Tugu auf dem Programm, da dort die Nachfahren der sogenannten Mardiijker, befreite portugiesisch-sprechende Sklaven aus Asien und Afrika, leben und ihre einzigartige Kultur pflegen. Highlight dieses Besuchs war der interaktive Auftritt einer Keroncong Musikgruppe, die die deutschen Studierenden zum Mitsingen und -tanzen aufforderte. So lernten die deutschen Studierenden auf lockere Art und Weise die Musik als wichtigen Bestandteil der lokalen, aber auch der indonesischen Kultur kennen. Ein weiterer Programmpunkt führte die Exkursionsgruppe in eine katholische Mädchenschule, die während der niederländischen Kolonialzeit gegründet worden war. Eine erste Überraschung war, dass zwei indonesische Schülerinnen die detaillierten Erklärungen zur Schulkapelle in einem geschliffenen Deutsch vortrugen. Außerdem gaben die Lehrerinnen und Schülerinnen einen Einblick in die Geschichte und in aktuelle Themen und Entwicklungen der Schule und erklärten die Stellung von Tradition in der Ausbildung der Mädchen. Es entwickelten sich angeregte Gespräche zwischen Studierenden und Schülerinnen.
Von Jakarta reiste die Gruppe nach Bandung, eine Stadt, die um die Jahrhundertwende durch koloniale Stadtplanung entwickelt wurde und den Beinamen „Paris van Java“ erhielt. Die Niederländer planten sogar, die Hauptstadt von Batavia nach Bandung zu verlegen, da Bandung als klimatisch angenehmer, als sicherer und strategisch gut gelegen galt. Der prägende Baustil Bandungs war Art Deco, sodass die Stadt in der späten Kolonialzeit, aber auch nach Indonesiens Unabhängigkeit als modernste Stadt des Landes galt. Bedingt durch diese Geschichte gibt es eine große Anzahl kolonialer Spuren in Bandung.
Aufgrund persönlicher Kontakte zum Kunstinstitut des Technischen Instituts Bandung (ITB) konnte der Passauer Gruppe auch hier ein Austausch mit indonesischen Studierenden ermöglicht werden. Nach einer offiziellen Begrüßung am Institut wurden die Studierenden in gemischte Gruppen aufgeteilt. Diese erkundeten zunächst den Campus, da das ITB ebenfalls aus der Kolonialzeit stammt, und fuhren dann für eine interaktive Gruppenarbeit zur Braga Straße im alten kolonialen Zentrum. Dort konnten sie in Eigenregie Orte und Themen zum kolonialen Erbe erleben, fotografisch festhalten und mit der ganzen Gruppe teilen. Den inhaltlichen Schlusspunkt der Exkursion setzte der Besuch des Museums zur Asien-Afrika Konferenz, die 1955 in Bandung ausgerichtet wurde. Diese Konferenz steht für die Dekolonisierung Indonesiens und darüber hinaus für die neue Rolle des Landes als wichtiger Akteur der Blockfeiern Staaten im Kalten Krieg. Somit stellt die Konferenz einen historischen Meilenstein zwischen der Kolonialzeit und der Gegenwart dar.
Zum Ausklang der Exkursion besuchte die Gruppe drei verschiedene Kunstorte, von denen zwei sehr berühmten indonesischen Bildhauern gehören (Sunaryo und I Nyoman Nuarta). In einem Restaurant mit Kunstgalerie fand das Farewell Dinner statt, das mit zwei Überraschungen aufwartete: einem balinesischen Tanz und einer Führung durch die Kunstgalerie. Der ausstellende Künstler erklärte die Objekte und ermunterte die Studierenden, seine Werke zu betrachten und sogar auszuprobieren. Die ruhige Atmosphäre in den Kunsträumen zum Ende der Exkursion stand im Kontrast zum turbulenten Beginn und wurde daher besonders wertgeschätzt.
Während der Exkursion gab es immer wieder Zeit für die Studierenden, ihre Forschungsprojekte durchzuführen. Die Projekte bezogen sich auf verschiedene Aspekte des kolonialen Erbes in Jakarta und Bandung und hatten folgende Themen: Vergleich von Glodok und Kampung Tugu, koloniale Narrative in touristischen Stadtführungen, Kaffee und Gastrokolonialismus, Vergleich zweier Moscheen als Orte der Dekolonisierung, Bandungs Hauptfluss und das Erbe kolonialer Stadtplanung, Umgang mit aktueller indonesischer Geschichtsschreibung, Perspektiven auf die japanische Besatzungszeit. Die Studierenden führten Interviews durch, machten Beobachtungen oder nutzen das Exkursionsprogramm, um ihre Forschungsfragen zu beantworten. Am Ende der Exkursion berichteten alle Gruppen ausführlich über ihre Projektdurchführung und ihre ersten Erkenntnisse.
Die Exkursion stellte trotz der großen und unplanbaren organisatorischen Herausforderung einen Erfolg dar. Die Studierenden konnten einen einmaligen Einblick in das Leben in den drei Städten bekommen und spezifische Informationen zu dem Exkursionsthema erhalten, was für Touristen so nicht möglich ist. Besonders hilfreich war die thematische und sprachliche Vorbereitung im Seminar bzw. im Sprachkurs und im Crashkurs, um in das indonesische Leben einzutauchen, ein tieferes Verständnis von Problemen und Zusammenhängen zu gewinnen und erfolgreich mit Bewohnern zu kommunizieren. Viele Erlebnisse vor Ort konnten mit dem Gelernten aus dem Seminar oder dem Sprachkurs verknüpft werden. Die Teilnehmer von Indonesischkursen versuchten, ihre Sprachkenntnisse nicht nur bei einfachen Alltagssituationen, sondern sogar in Bereichen der Projektdurchführung anzuwenden. Allerdings gab es eine Diskrepanz innerhalb der Gruppe der Teilnehmer, da die Angebote der Vorbereitung nicht von allen genutzt worden waren und dadurch einige interkulturelle „Fettnäpfchen“ leider von diesen „Nichtteilnehmenden“ trotz Ansprache nicht vermieden wurden.
Die Exkursion war ein Erfolg für die Stärkung der Partnerschaft und für konkrete Überlegungen der Kooperation zwischen der Universität Passau und der Universitas Indonesia. Darüber hinaus konnten neue Kontakte am ITB etabliert werden, die zu weiteren Kooperationsmöglichkeiten führen können. Auch die Leiterinnen profitierten trotz des enormen Organisationsaufwands von der Exkursion. Die Besuche an den Bildungsinstitutionen, aber auch viele Programmpunkte und alltägliche Ereignisse bedeuteten für sie einen Zuwachs an Wissen sowie an Material für Lehre und Forschung insbesondere hinsichtlich neuer Entwicklungen in Indonesien, der Generation Z und themenspezifischer Aspekte wie Urbanität und koloniale Spuren. Da Indonesien eine sehr dynamische Gesellschaft und einen dynamischen Sprachgebrauch hat, sind solche Updates mehr als wertvoll und sogar notwendig für die Lehre der indonesischen Sprache und Kultur sowie für die Vermittlung Indonesien-bezogener Themen in Seminaren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Exkursion für alle Beteiligten einen bedeutenden Zuwachs an fachlichen Kenntnissen, an Kompetenzen, sprachlichem Zugewinn und persönlichen Erfahrungen erbrachte, die den großen Aufwand eines solchen Unternehmens in Planung, Finanzierung und Durchführung immer wieder rechtfertigen.
